Nordkorea

Nordkorea – Ein lukratives Feindbild

Nordkorea ist eine Gefahr, erzählt man uns gerne. Wir sollen zittern vor dem irren, fetten Diktator-Jungen mit dem bizarren Haarschnitt und seinem bedrohlichen Nuklearspielzeug. Ein Psychopath mit einem Hang zur totalen nuklearen Auslöschung. Das ist das Bild, was unsere Medien seit Jahren von Nordkorea zeichnen. Ja, Kim Jong-un mag ein komischer Kauz sein, ein korrupter Diktator zweifelsohne, aber eines ist der liebe Kim ganz gewiss nicht: lebensmüde.

Ignoriert man für einen kurzen Moment das schnöde Gebrüll unserer Mainstream-Medien und wirft einen möglichst unbefangenen Blick auf die Demokratische Volksrepublik Korea, dann wird man rasch feststellen, dass ein Angriff durch Nordkorea auf seine Nachbarn oder gar auf die USA jeglicher Logik widerspricht. Einen Krieg kann Kim nicht gewinnen, dessen ist er sich zweifellos selbst im klaren. Trump weißt das im Übrigen auch, aber Feindbilder machen die Welt nun eben einfacher – und man braucht sie schließlich, um völkerrechtswidrige Angriffs- und Ressourcenkriege der eigenen Bevölkerung zu verkaufen. Ein Blick auf die vergangenen 20 Jahre macht das nur allzu offensichtlich: Jugoslawien, Afghanistan, Irak, Libyen, Syrien, Yemen… Auch Kim Jong-un dürfte dies nicht entgangen sein. Ihm ist sehr wohl bewusst, dass auch er auf der nicht enden wollenden Schurkenliste des US-Imperiums steht. Einziger Ausweg für ihn scheint am Ende nur die nukleare Abschreckung zu sein, welche – so macht es zumindest den Eindruck – die Amerikaner bisher davon abgehalten hat, ihr altes Spiel auch in Nordkorea fortzuführen… Bitte nicht falsch verstehen: es ist auf gar keinen Fall zu begrüßen, das ein solch totalitärer Staat im Besitz von Nuklearwaffen ist. Doch statt weiterer Anfeindungen ist diplomatisches Geschick gefragt sowie die Gabe, sich innen- und geopolitisch in das wirtschaftlich und kulturell geplagte Land hineinzuversetzen. Hier seien das kollektive Staatstrauma namens Korea-Krieg sowie die seit Jahren andauernden Wirtschaftssanktionen nur am Rande erwähnt.

Selbst William Perry, ehemaliger Chef des Pentagons sagt: »Ich glaube nicht, dass das  nordkoreanische Regime selbstmörderisch ist. Unprovoziert wird es keinen Atomangriff gegen jemanden starten.« Provokation ist ein gutes Stichwort: Die Kriegstreiber in Washington tun mithin nichts, um die Lage zu entspannen, aber alles, um Nordkorea weiter zu reizen. US-Großmanöver, Landungsübungen und Kommandooperationen vor der nordkoreanischen Küste sind nur ein Beispiel, die Entsendung von Flugzeugträger-Kampfgruppen in die Region ein anderes. Zudem gibt es seit Jahren unterschwellige Drohungen gegen die landeseigenen Nuklearanlagen sowie unzählige weitere Drohgebärden. Auch die drastischen Wirtschaftssanktionen gegen das Land sollten an dieser Stelle nochmals aufgeführt werden. Alles zur Einschüchterung Pjöngjangs. Es hat fast den Anschein, als MÖCHTE man eine Reaktion hervorrufen. Wie würde Deutschland reagieren, wenn nordkoreanische Truppen uneingeladen aggressive Landungsübungen in der Nord- und Ostsee praktizieren würden? Oder schweres Kriegsgerät in Polen, Frankreich oder Österreich stationieren würden? Nein, Empathie ist beileibe keine Stärke imperialistischer Geopolitik.

Auch ein Blick auf die Zahlen sollte für eine Entschärfung der künstlich aufgebauschten Drohkulisse sorgen: Das US-Nuklear-Arsenal besteht momentan geschätzt aus mindestens 6.800 Gefechtsköpfen mit einer Sprengkraft von 15.000 Kilotonnen sowie einer Reichweite von 15.000 Kilometern. Nordkorea hingegen besitzt geschätzt ganze 4 Nuklearraketen mit einer Sprengkraft von 20 bis 30 Kilotonnen sowie einer Reichweite von bis zu 10.000 Kilometern. (Quelle: Washington Post, Arms Control Association) Zweifelsohne sind vier Raketen in den Händen Kim Jong-uns vier zu viele. Aber im Hinblick auf das Arsenal der Amerikaner sollte die Frage erlaubt sein, welches Land nun wirklich den verrückten »Rocket-Man« beherbergt? Auch der Blick auf die Militärausgaben der beiden Länder sorgt für Ernüchterung: während die USA 2016 ganze 611 Mrd. Dollar aus dem Fenster geworfen haben, wirkt Pjöngjang mit seinen niedlichen 10 Mrd. vergleichsweise friedfertig. Selbst Südkorea gab im selben Jahr fast viermal soviel aus (37 Mrd. Dollar), wie sein »kriegslüsterner« nördlicher Nachbar. (Quelle: Katapult Magazin)

Warum also dieses ganze Gezeter und dieses unsägliche Säbelrasseln zweier unaussprechlich nervtötender Despoten? Öl gibts in Nordkorea schon mal nicht zu holen, wie etwa in Venezuela. Dort strebt die CIA seit Jahren einen verdeckten Regierungswechsel an, um eine US-freundliche Oligarchenregierung einzurichten, die es ihnen erleichtert, das schwarze Gold auszubeuten. Warum also profitieren die USA davon, Kim als das personifizierte Böse zu stilisieren? Eine Antwort könnte sein: Nordkorea sitzt auf einem riesigen Topf Gold aus unerschlossenen Bodenschätzen im Wert von 6 bis 10 Billionen US-Dollar!

Ja, richtig gelesen. Unter der Oberfläche des vergleichsweise kleinen Landes schlummern enorme Vorkommen an Eisen, Gold, Magnesit, Zink, Kupfer, Molybdän, Kalkstein, Grafit und vieles mehr. Auch die dort befindlichen seltenen Erden für die Herstellung von Smartphones und nachhaltiger Technologie wie Windturbinen, E-und Hybridautos treiben jedem Imperialisten das Wasser in die Augen. Zu deren Leidwesen allerdings meist in staatlichen Händen. Hauptabnehmer hierfür ist bisher Pjöngjangs engster Verbündeter, China. Doch aufgrund der schlechten wirtschaftlichen Situation Nordkoreas, der Energieknappheit und dem generell schlechten Zustand des Stromnetzes sowie dem Mangel an teurem Bergbau-Equipment ist es nicht in der Lage, das volle Potential seiner eigenen Bodenschätze auszuschöpfen. Zudem hindern die bereits erwähnten Wirtschaftssanktionen das gebeutelte Land weiter daran, seine Rohstoffe in vollem Maße zu exportieren. Somit schlägt man gekonnt zwei Fliegen mit einer Klatsche. Nicht zuletzt geht es ja auch darum, den größten US-Konkurrenten China wirtschaftlich zu schwächen, indem man ihm seiner wichtigen Rohstoff-Importe aus Nordkorea beraubt.

Nur durch einen Regime-Change wie in der Ukraine wird es den USA möglich sein, sich an Nordkoreas Bodenschätzen zu bereichern. Die Geier kreisen bereits. Um jedoch einen Aufschrei in unserer sogenannten westlichen Wertegemeinschaft zu unterdrücken, benötigt man eine ausgeprägte Drohkulisse, einen weiteren Saddam Hussein, Muammar al-Gaddafi, Osama bin Laden. Ängste zu schüren ist eben ein beliebtes und effektives politisches Mittel wenn es um Machterhalt und Machtausdehnung geht. Stichwort »Drittes Reich«. Nicht zu vergessen ist, dass das Schreckgespenst Kim Jong-un auch für die Rüstungsindustrie einen Segen darstellt. Ohne bösen Mann gibt es schließlich keinen Grund zur Aufrüstung. Warum also bei der Wahrheit und den Fakten bleiben, wenn ein dämonisches Feindbild um längen nützlicher und lukrativer ist? Politik und Bevölkerung sind am Ende schlichtweg auf Feindbilder angewiesen. Das macht das Leben simpler. Wie sagte Volker Pispers einst so treffend: »Ist der Feind bekannt, hat der Tag Struktur.«

Passend zum Thema und absolut sehenswert:
– Hagen Rether über die USA und Nordkorea
– »The Haircut«

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